Ein Jahr in der St. Thomasgemeinde

Fragen an den Kantor Tobias Koriath

Lieber Herr Koriath, nach einem Jahr Arbeit in Heddernheim: was hat Sie überrascht, was hat Sie gefreut?

Besonders habe ich mich über die Leute gefreut, die dem “neuen Kantor” eine Chance gegeben haben und dazu bei getragen haben (und es auch noch immer tun), dass der Wechsel im Kantorenamt gelingen konnte. Überrascht hat mich z.B. der Abendmahlstisch, die wohlerzogenen Konfirmandinnen und Konfirmanden – und dass der Orgel das hohe g fehlt.

Auf welchem Weg sind die Chöre, die Kantorei und die Kinderchöre?

Wir sind wirklich auf einem Weg. Ob er richtig oder falsch ist, lässt sich nach einem Jahr noch nicht sagen. Den Chor, den ich im Bewerbungsverfahren kennengelernt habe, gibt es jetzt schon nicht mehr. Einige haben sich mit Herrn Schuchardt verabschiedet oder mögen meinen Probenstil nicht. Andere sind dazu gekommen und bringen ganz neue Ideen mit. Ähnlich verhält es sich in der Kinderkantorei. Die Chöre brauchen die Unterstützung aller Beteiligten. Nun sind wir auf der Suche nach neuen Mitgliedern, besonders (hohe) Männerstimmen werden benötigt, um eine Balance in Bezug auf Besetzung in der Thomaskantorei herzustellen. Daher hatte ich 2012 schon alle Männer der Gemeinde angeschrieben und hoffe, dass sich noch ein paar finden werden.

Welchen Anteil und welche Rolle hat aus Ihrer Sicht die Musik im Gottesdienst?

Vielleicht halten sie mich für verrückt, aber ich behaupte: Musik ist Gottesdienst; und weiter: das Leben ist Gottesdienst. Lesen Sie mal im Kolosserbrief Kapitel 3 ab Vers 16 (ab Vers 18 werde ich etwas nervös). Ich denke, dass wir nicht bestimmen können wann und wo ein Gottesdienst im Leben stattfindet. Bei einem Gottesdienst ist Christus mitten unter uns, und der entscheidet das gerne selbst, wo Er gerade zu sein hat. Der klassische Sonntagsgottesdienst um 10 Uhr ist unser wöchentliches geistiges Fitnessprogramm. Hier wird uns die Schrift ausgelegt und wir haben die Möglichkeit, auf ganz andere Gedanken zu kommen. Außerdem ist es ein verlässlicher Treffpunkt. Und da kommt die Musik ins Spiel. Musik macht das Unhörbare hörbar und kann uns etwas sagen, was in Worten vielleicht (im Moment) nicht gesagt werden kann. Daher muss Kirchenmusik immer an die Grenzen gehen, sie sollte unsere Hörgewohnheiten immer neu reizen. Das geht mit alter und neuer Musik. Nicht immer verständlich, manchmal auch anstrengend: das gehört eben zu einem Fitnessprogramm dazu. Damit man auch einen Trainingserfolg sieht, muss man es natürlich regelmäßig hören und erleben, da man sonst vielleicht schnell überfordert wird, und dann mit Muskelkater in den Ohren rechnen muss. – Mit dem Segen werden wir in den eigentlichen Gottesdienst entlassen. Und der passiert bei einem Kirchenmusiker z.B. in den Chorproben, beim Orgelüben, bei Honorarauszahlungen oder auch beim Bier nach der Chorprobe in kleiner Runde.

Sie haben einige besondere Konzerte veranstaltet, ich erinnere nur an die Lettner-Passion von Ohse und das konstruierte Requiem von JS Bach – wie war die Resonanz?

Es ist wunderbar, dass das Publikum die Werke gut aufgenommen hat. Wenn man solche Werke wagt, steht man natürlich schnell in der Kritik und die Gefahr ist, dass der Chor und die Zuhörer sich nicht auf die Musik einlassen. Besonders die europäische Erstaufführung des Bach-Requiems nach einer Idee von F. Panneton war ein besonderes Erlebnis. Natürlich hat diese Zusammenstellung ihre Schwächen, da es Bach nicht selbst gemacht hat. Dieses Projekt hat uns auch gezeigt, wie einzigartig die originalen Kompositionen von Bach sind, und wir haben Kantatensätze musiziert, die wir sonst vielleicht nie gesungen hätten.

Welche Ziele haben Sie für das kommende Jahr, auf was können wir uns als Konzertbesucher freuen?

Auch das Jahr 2013 bietet ein außergewöhnliches Programm für Sänger/innen und Publikum. In der Passionszeit erklingen “Die sieben Worte” von Charles Gounod. Im Sommer führen wir neben dem berühmten Te Deum von Mozart die Missa solemnis von J. Vanhal auf; ein böhmischer Komponist an der Wende zum 19. Jahrhundert voller Überraschungen. Am Ewigkeitssonntag erklingt das erste Mal in Frankfurt die Kantate “Zeit und Ewigkeit” von J. G. Naumann. Naumann gilt als letzter Repräsentant der italienischen Oper in Deutschland. Er war einer der bedeutendsten Musikerpersönlichkeiten Dresdens. – Der Nachwuchs wird besonders im vokalen Bereich weiter intensiv geschult um auf lange Sicht das Überleben von Chören zu sichern.

Fragen: Oliver Ramonat
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