Geschichte

Am 30. September 1949 hat der Kirchenvorstand unserer Gemeinde beschlossen, dass die bisherige evangelische Gemeinde Heddernheim ab jetzt Evangelische St.Thomasgemeinde heißen soll.

Dieses Jahr ist jetzt mehr als 60 Jahre her, deshalb wollen wir hier einmal daran erinnern. Wir haben versucht, herauszufinden, was die Gemeinde zu dieser Namenswahl veranlasst hat. Leider fand sich in der Pfarrchronik nur der kurze Abschnitt, den wir hier wiedergeben.

Ein paar Vermutungen ergeben sich allenfalls aus der Person des damaligen Pfarrers: Dieser Pfarrer war Peter Heinemann. Er leitete unsere Gemeinde von 1936 bis 1956. Er war offenbar eine willensstarke Persönlichkeit und wird als wortgewandt und sehr guter Prediger beschrieben. Sowohl seine jährlichen Volksmissionen wie auch seine von alten Gemeindemitgliedern als frivol empfundenen Tanzabende für die Jugend sind älteren Heddernheimern durchaus in Erinnerung. Vor seinem Theologiestudium war er vom katholischen Glauben zum evangelischen konvertiert – vielleicht daher das für evangelische Gemeinden nicht so übliche „Sankt“ im Namen, das er gegen Kirchenpräsident Martin Niemöller erkämpfte.

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Dessen Einwand bezog sich wohl auf die „konfessionalisierende Benennung“ (siehe rechts). Mit dem Hinweis auf ihre „durch lange Jahrhunderte tapfer bewährte lutherische Haltung“ stellte Pfarrer Heinemann die Gemeinde aber in gute lutherische Tradition, die in unserem Archiv übrigens ausführlich belegt ist, und überzeugte die Kirchenleitung.

Pfarrer Heinemann, vor dem Krieg jedenfalls kein Mitglied der Bekennenden Kirche, hatte den Krieg als Soldat mitgemacht. Danach setzte er sich mit großer Energie für den Aufbau der 1944 zerbombten Kirche ein, und unsere Kirche war in Frankfurt die erste der großen zerstörten Kirchen, die 1950 wieder eingeweiht wurde. In diese Zeit der Planung und des Wiederaufbaus nach der Katastrophe des Krieges fiel auch die Namensgebung.

Nach einer Zeit, in der an so viel geglaubt wurde, ohne zu sehen oder vielleicht auch ohne sehen zu wollen: könnte man da eine besondere Verbundenheit gefühlt haben zu einem Apostel, der nicht glauben wollte, ohne zu sehen und zu fühlen? Und nicht nur unsere Gemeinde hat sich für diesen Namenspatron entschieden, sondern auch die Thomaskirche in Leipzig, die als Wirkungsstätte Johann Sebastians Bachs bekannt ist.

Letztes Jahr erreichte uns eine Initiative der Thomasgemeinde aus Dresden: Dort feierte man 100 Jahre Namensgebung und hatte aus diesem Anlass versucht, mit allen deutschen Thomasgemeinden, über 45 an der Zahl, Kontakt aufzunehmen. Wir wurden alle gebeten, einige Informationen und Fotos unserer Gemeinden zu schicken. Daraus hat man in Dresden eine kleine Ausstellung gemacht, die sich jetzt auf der Reise durch andere Thomasgemeinden befindet. Ich hoffe, dass sie auch uns einmal erreicht.

Christine Tries