“Hänsel und Gretel” an der Oper Frankfurt

Märchen versteht jeder – warum eigentlich? Noch heute sind sie umstritten, man wird nicht fertig mit ihrer Deutung, obgleich sie oft genug denkbar einfache Geschichten erzählen.

Eine Deutung dieses Geheimnisses der Märchen stellt die psychologische Lesart dar. Sie ist durch Siegmund Freud in die Welt gekommen, oder besser: er hat sie zum ersten Mal explizit gemacht. Bruno Bettelheim hat in seinem klassischen Werk „Kinder brauchen Märchen“ auf die Tatsache hingewiesen, dass Märchen ein ideales Format sind, in dem Kinder ihre ohnehin vorhandenen Ängste („Urängste“) erleben und durcharbeiten können. Sie bilden einen Schutzraum, in dem man sich gefahrlos mit den Dingen beschäftigen kann, die, würde man sie wörtlich nehmen und ganz offen sich vor Augen führen, der pure Horror wären. Die „Hexe“ steht für Urängste, die Kinder eben nicht ausdrücklich artikulieren können (was ja, nebenbei gesagt, ganz sinnvoll ist); das Miterleben der Märchenhandlung ermöglicht aber dennoch eine Katalyse, eine innere Klärung und Durcharbeitung auch der verborgenen Ängste. Es lässt sich nicht leugnen, dass man auch als Erwachsener noch die reinigende, befreiende Wirkung mancher Märchen nachempfinden kann. In ihnen werden eben unser aller Ängste und unbewussten Wünsche verhandelt.

Ein Paradebeispiel ist eben Hänsel und Gretel, die Geschichte der Geschwister, die in die Welt ihrer Fantasien geraten und dabei lernen, selbständig zu handeln und sich aus eigener Kraft zu befreien. In der Oper Frankfurt sind diese Zusammenhänge deutlich gemacht, wobei alles durch die Spielfreude der hervorragenden Sängerdarsteller lebendig und spannend wird.

Die toten Kinder im Hexenhaus? Der Regisseur findet ein einfaches unheimliches und allgemein verständliches Bild: Die Hexe hängt die Marionetten, die Hänsel und Gretel mitbringen, zu anderen Puppen, die bei ihr in der Küche an der Wand hängen. Überhaupt diese Küche, ein wirklich unheimlicher Ort, eine Mischung aus riesigem Ofen und gekachelter Wurstküche. Auch andere Lesarten dieser Neuinszenierung sind zeitgemäß und dabei sehr plausibel. Hänsel und Gretel verlaufen sich in einem „Wald“ aus lauter Texten, bis sie am Ende des ersten Teils erleichtert ihre eigene Geschichte wiederfinden. Der Sandmann hat zwar einen Text unter dem Arm, aber er verliert einzelne Blätter, bis sich alles in Einzelheiten auflöst. Dem Regisseur gelingt so ein bezwingendes Bild der bruchstückhaften Arbeit des Bewusstseins im Traum; ein Bild, das zudem theatralisch funktioniert.

Auf faszinierende Weise mehrdeutig auch das Schlussbild: die Eltern warten auf ihre mittlerweile erwachsenen Kinder (was exakt zur Märchenerzählung passt, in der die Kinder eben auch geläutert und „erwachsen“ aus dem Wald zurückkommen), die in der Berufswelt etabliert und offenbar wohlsituiert (stimmt genau, denn im Märchen haben sie die „Schätze“ der Hexe dabei) ankommen. Das Bild spielt in einem bürgerlichen Ambiente, das dem ersten Obergeschoss des Hexenhauses zu gleichen scheint: lauert also auch hier unter der cleanen Oberfläche ein „Folterkeller“? Wiederholt die neue Generation, die unter ihren Eltern gelitten hat, deren Lebensmodell, ob sie will oder nicht? Oder waren die schwierigen Verhältnisse des ersten Teils, die Hexe und ihre Zumutungen ohnehin reine Fantasie? – Es bleibt offen, und es muss auch nicht alles in einer einfachen Erzählung aufgehen.

Und das ist ein Vorteil solcher psychologisch informierter Inszenierungen: sie funktionieren auch dann als gutes, faszinierendes Theater, wenn man nichts über die Psychoanalyse des Märchens weiß. Zumal die Inszenierung auf schnell und vorbildlich sinnfällig agierende Sängerinnen und Sänger bauen kann. Da geht manches sehr rasch, aber das ist – neben der hinreißend schönen Musik – ein Grund mehr, dieses Stück einfach zwei Mal zu sehen.

Die Serie 2014/2015 ist mittlerweile zu Ende – wer die neue Inszenierung nicht sehen konnte, muss also auf die Wiederaufnahme  in der kommenden Spielzeit warten.