“Sleepless in my Dreams” im Schauspiel Frankfurt

REGIE: PEDRO MARTINS BEJA, TEXT: GERHILD STEINBUCH

schauspiel_logoDas Stück, gespielt von drei völlig überzeugenden Darstellern des Schauspiel-Studios, verwebt die Handlung mehrerer Märchen mit den psychologischen Deutungen der Vorlagen. Dabei steht das “Dornröschen” im Zentrum und gibt ganz zu recht den Titel des Stückes. Hier kreist alles um die zwei Leben, die das Dornröschen führen darf – vor und nach dem langen Schlaf.

Der Schlaf trennt ja nicht nur die vorpubertäre Welt von der erwachsenen Welt, sie trennt auch die Angst vor der sexuellen Reife und die Angst vor der Verantwortung des Erwachsenen von der Welt des jugendlichen Kindes, das zwischen allen Stühlen sitzt – und eben in den Schlaf flieht.

Hier ist auch die Einfallschneise für die Gesellschaftskritik, die das Stück kennzeichnet, und die pubertierende Unzufriedenheit mit einer Wirklichkeit, die von den Figuren des Stücks als Fassade durchschaut wird. Wir leben so vor uns hin, alles ist unwahr, alles Gesagte eine Lüge. Man müsste mal aufräumen damit und die Wahrheit sagen, das ungeschminkte, ungeschützte Leben leben, nicht nur immer von da nach dort und wieder zurück. Ein Unwohlsein an einer durchorganisierten Welt, die innerlich längst kaputt ist, so glauben die drei. Wenn wir uns nicht immer weiter bewegen, fallen wir von dieser Erde herunter. Sinnbild sind die “7 Zwerge”, die in ihrer nie erlahmenden Betriebsamkeit ein Exempel der leerlaufenden Falschheit darstellen. Auch hier mischen sich wieder sexuelle Fantasien und Ängste vor der eigenen Courage.

Die Figuren stellen nicht nur diese Welt und unsere Sprache, sie stellen auch sich selbst immer in Frage. Denn sie finden den Anfang des Märchens nicht, zu dem sie zurück wollen. Das heißt: sie finden den Sinn nicht, er verliert sich im Unsagbaren, wie sich das “wahre Leben” eben doch (zumindest: auch) in Routinen und einem sinnhaften Alltag findet. Zu spät erkennen sie die ganz reale Gefahr, in die sie sich mit ihrer Suche nach dem Anfang, dem Sinn vor aller Sprache begeben. Nicht die Welt unter der Welt, die geheime Stadt unter der “toten Stadt” ist die Gefahr; gefährlich ist der Verlust jeglicher Zivilisation. Das “Röschen” wird zum Wolf, vor dem es sich immer gefürchtet hatte; zieht man das Kostüm der Zivilisation weg, weil man es für falsch hält, bleibt: das Tier im Menschen. Was kann die Sprache?

 

Ach, wie gut hat es doch das Dornröschen, dass es dieser Falschheit durch Schlaf sich entziehen und in einer richtigen Welt erwachen kann! Der Prinz kommt, erweckt es, und die ganzen Kämpfe des Erwachsenwerdens, mit ihren Kompromissen, Halbheiten und seiner Melancholie, die eben nicht zur Depression wird, diese Kämpfe kann es sich sparen. – Was aber träumt das Röschen, wenn es schläft? Diese Frage wird unabweisbar und die Antwort ändert alles. – Wenn ihr Schlaf ein Albtraum wäre?