Zwei Mal Expressionismus

Zwei Mal Expressionismus

“Die Wildente” und “Die andere Seite” am Schauspiel Frankfurt

Kulturfonds Frankfurt“Phänomen Expressionismus” heißt das Epochenprojekt, mit dem der Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main die Region verbindet. Und der Expressionismus könnte auch die Klammer sein für zwei sehenswerte Neuinszenierungen am Schauspiel Frankfurt.

Die WildenteDIE WILDENTE

Im großen Haus spielt “Die Wildente” von Henrik Ibsen in einer Bühne, die Karussell, Varieté (mit großer Showtreppe) und Kino zugleich ist. Ein rotes Herz leuchtet an der Spitze, hier lebt die Wildente und das ist der eskapistische, weltflüchtige Ort des Dramas. Das rote Herz über der Bühne steht für große Versprechungen und Erwartungen – aber das Ganze ist eine Scheinwelt von Anfang an. Hjalmar Ekdal (Thorben Kessler) hat sich in dieser Scheinwelt eingerichtet, ohne zu bemerken, wie sehr alles, was er hat, von dem etwas unheimlichen, mächtigen Direktor Werle abhängt. Dessen Sohn Gregers ist auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens, nach Sinn schlechthin, den er als sich autonom wähnendes Subjekt nicht mehr aus der Tradition – der Familie, des Berufes des Vaters, der Konventionen überhaupt – gewinnen kann. Gregers möchte nun seinen alten Freund Hjalmar über dessen (Hjalmars) wahre Identität und den Urgrund seines Lebens aufklären. Diese Aufklärung ist für Gregers eine Art Spiel, jedenfalls eine Form der Selbstbefriedigung, die das Glück der anderen nicht bis zum Ende mitbedenken will. Auch Gregers ist also in der Scheinwelt gefangen, die die Bühne so genial auf den Punkt bringt.


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Nur eine Figur, um die sich am Ende alles dreht, nimmt die Scheinwelt ernst: Hjalmars Tochter Hedwig – das kann nicht gutgehen. Die Schauspieler agieren im Stile des expressionistischen Stummfilmes, sie tragen die Emotionen bewusst nach außen und verflechten sich gestisch und sozusagen emotional miteinander. Konsequent ist der Direktorssohn Gregers mit einer Frau besetzt, Sinnbild der Anziehungskraft und inneren Stärke dieser vielschichtigen, zerrissenen Figur (Lena Schwarz). Die letzte Aussprache zwischen Gregers und Hjalmar, von Gregers für den Freund als Durchbruch zur Wahrheit über sich selbst vorgesehen, wird als Texteinblendung wie in einem Film von Fritz Lang inszeniert, die Schauspieler vollführen die großen Gesten, die zu einer dramatischen Szene ohne Ton gehören. In diesem Jahrmarkt des Lebens, in dem es längst nicht mehr um “Wahrheit” geht, kommt nur einer zur Strecke: das Kind, das das alles viel zu ernst nimmt.

 

DIE ANDERE SEITE

Wird die drastische Doppelbödigkeit Ibens in der “Wildente” sozusagen als Vorgriff auf den Expressionismus gelesen, so springt das Stück nach dem phantastischen Roman Alfred Kubins “Die andere Seite” mitten hinein in den echten Expressionismus. Die Aufführung des “Schauspiel Studio” wird vom erwähnten Kulturfonds gefördert. Wer skeptisch ist, wenn Romane auf die Bühne gehoben werden, sollte sich diese Inszenierung erst Recht anschauen. Denn der Regisseur Christopher Rüping verwebt Szenen aus den autobiographischen Skizzen Kubins mit dem Roman, so dass die Einladung eines alten Freundes in die neu gegründete Stadt “Perle” plausibel wird.

Das unstete des Lebens hat sich vor der Einladung als innere Unruhe der Schauspieler auch dem Publikum mitgeteilt, das zudem mehr schlecht als recht vor der Box des Schauspiels kauert. Dann ergeht die Einladung in das merkwürdige Traumreich – und alle wollen hin; es beginnt der große Run auf die nicht nummerierten Plätze in der Box. Der alte Freund des Autors, Patera, würde milde lächeln über den Eifer Kubins und der Zuschauer, nun endlich an der Utopie im fernen Urwald zu partizipieren. Die Utopie wird zur Schreckensvision, Patera ist unsichtbar, mumiengleich, unantastbar aber auch unnahbar. Er scheint allwissend, aber uninteressiert an den lebensnotwendigen Details. Sein Reich wird folgerichtig aus den Vitrinenschränken eines anatomischen Kabinetts zusammengesetzt.

Alles endet als Alptraum, wobei die Dramatisierung die schlimmsten Auswüchse des Romans nur andeutet. Die drei Schauspieler verwandeln sich in alle Figuren, vor und nach der Einladung sind sie alle Kubin, seine Frau, dann Patera und alle weiteren Figuren. Schlag auf Schlag wechseln sie sich ab, verstellen die Stimme, die Gesten, die gesamte Motorik. Der bewusst überzeichnete, leerlaufende Mummenschanz ist ein exakter Spiegel der grotesken Romanhandlung. Das ist sehenswert und sinnfällig. Die Requisiten und Kostüme werden aus den musealen Kisten gezogen, die das verfallende Traumreich darstellen. Alles zusammen führt zu einem ständigen Wandel und ständiger Veränderung, die schließlich in Demontage endet und die das Gefühl der Ortlosigkeit und Verlorenheit spiegeln und anschaulich machen, die Menschen empfinden können. Der depressive Charakter des vermeintlichen Traumreiches wird anschaulich und mit Händen greifbar.

© Oliver Ramonat 2011